Die Lean und Mean- Falle

Die Lean und Mean- Falle

Juni 3, 2019

Haben Sie schon mal von der „Lean und Mean- Falle“ gehört? Im letzten Monat besuchte ich ein Unternehmen, welches Spezialchemikalien herstellt. Im Rahmen unseres Meetings erörterten wir zunächst die Marktbedingungen und die aktuelle wirtschaftliche Situation des Unternehmens. Ich war nicht überrascht zu hören, dass es ihnen wirtschaftlich überaus gut geht, denn das Unternehmen hat im Laufe der Jahre seine Strategie vom allgemeinen zum spezialisierten Lieferanten geändert. Durch diese Strategie konnten sie auch ihre Kosten senken. Die meisten Einsparungen wurden durch die Einführung einer schlanken (leanen) und mittelgroßen (mean) Organisation erzielt. Diese Umstrukturierung führte zu einem relativ kleinen Team, welches für die Produktion verantwortlich ist. Die Unternehmensverantwortlichen schufen ein integriertes Produktionssystem, ohne Ressourcen zu verschwenden.

Wer ist der Gewinner der Lean und Mean – Challenge?

Die Herausforderung der Lean and Mean-Strategie ist: „Wo hört sie auf? Wie lean kann ein Unternehmen noch werden?“  Im Laufe der Zeit werden die immer härter werdenden Marktbedingungen die Hersteller zwingen, noch smarter und kostengünstiger zu arbeiten. Grundsätzlich glaube ich, dass intelligentes Arbeiten und der Fokus auf niedrigere Produktionskosten – Synonyme für digitale Transformation – für einen in Europa ansässigen Hersteller überlebenswichtige Voraussetzungen sind. Meiner Meinung nach gibt es keinen Markt für Unternehmen, die nicht bereit sind, sich zu ändern und weiterhin generische Produkte oder Dienstleistungen anbieten und dabei lediglich versuchen, ihre Kosten zu senken. Eine ganzheitliche Sichtweise ist notwendig, das Gesamtbild sollte immer im Auge behalten werden.

Kommen wir nun auf mein Gespräch mit dem Management des oben genannten Unternehmens zurück. Während des Meetings haben wir u.a. die Möglichkeiten zur Energieeinsparung diskutiert. Viele Hersteller sind mit erheblichen Energiekosten konfrontiert. In diesem speziellen Fall betragen die Energiekosten für Brennstoffe (hauptsächlich Erdgas) mehr als 20 Millionen Euro pro Jahr. Der größte Teil dieser Energie wird vom Versorgungsunternehmen zur Dampferzeugung genutzt. Energieeinsparung ist bereits eine Herausforderung, und angesichts der neuen Vorschriften zu Emissionen und Kohlendioxid ist sie jetzt noch größer. Glücklicherweise gibt es zahlreiche Möglichkeiten, Energie zu sparen, wie z.B. die Überwachung durch rigorous modeling.

Bei rigorous modeling wird die eigentliche Versorgungsanlage vollständig in einem Modell auf einem Server simuliert. Sobald dieses komplette Anlage modelliert und mit Echtzeitdaten aus dem Feld versorgt wurde, können Anwender Energieverbrauch, Effizienz, Ungleichgewichte und Emissionen auf einen Blick erkennen. Mit Hilfe dieses Modells, auch digitaler Zwilling genannt, können sie die Energieeffizienz der Anlage überwachen und verschiedene Szenarien durchlaufen, um beispielsweise die Auswirkungen eines Kessel-, Brennstoff- oder Antriebswechsels (z.B. von Dampf auf Elektrik) zu bestimmen. Die Energieüberwachung ermöglicht es dem Management, genau zu beobachten, wie viel Energie über einen bestimmten Zeitraum eingespart wird.

In die Falle getappt?

Energieeinsparung ist für viele Unternehmen eine ‚low-hanging fruit‘, daher bin ich davon ausgegangen, dass die Umsetzung dieser ein Kinderspiel ist.  Zudem sie vollständig im Einklang mit der Strategie des Unternehmens steht. Darüber hinaus erwartet die Gesellschaft, dass die Hersteller ihren Anspruch erfüllen, zur Lösung der Umweltprobleme beizutragen. Nachhaltigkeit sollte nicht nur bei den Unternehmenswerten aufgelistet sein, sondern auch tatsächlich umgesetzt werden. Die Realität ist jedoch wegen der „Lean und Mean- Falle“ wesentlich brutaler. Der Unternehmensleitung gefiel unser Leistungsversprechen sehr gut und sie war auch überzeugt, dass die Umsetzung eine hohe Ersparnis bringen könnte. Dennoch wurde die Investition in die modellbasierte Energieüberwachung vorerst abgelehnt, da sie nicht über die Ressourcen zur Durchführung des Projekts verfügen. Mit anderen Worten, das Unternehmen ist so lean, dass ihnen schlichtweg die Ressourcen fehlen, um ihre Geschäftsprozesse energiesparend umzustellen, obwohl es ihnen helfen würde, Geld zu sparen und Umweltprobleme zu lösen.

Ausblick: Wissen als Sprungbrett

Dies ist eine Einschränkung, die auch andere Unternehmen betrifft. Vor dem Hintergrund der Konvergenz von IIoT, Industry 4.0 und IT / OT gibt es viele neue Verbesserungsmöglichkeiten und Einsparungspotentiale für Unternehmen, doch aufgrund der Ressourcenknappheit können die meisten dieser Projekte nicht realisiert werden.

Vielleicht ist es an der Zeit, mehr in Ressourcen und Wissen zu investieren, um aus der „Lean und Mean- Falle“ herauszukommen. Unternehmen sollten mit Hilfe von Technologie den Wandel vollziehen und auf zukünftige Marktbedingungen vorbereitet sein.

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